Hier der Text (BORUSSEN)

Klinki, Sonntag, 18.09.2022, 13:28 ( vor 14 Tagen ) @ klingone67

Der Ausbruch der Corona-Pandemie hat die Aufregung, die Ende Februar 2020 die Bundesliga erfasste, schnell geschluckt. In zahlreichen Stadien hingen damals beleidigende Plakate gegen Dietmar Hopp, Hoffenheims Mäzen wurde in einem Fadenkreuz abgebildet. Es folgten Spielunterbrechungen sowie staatstragende Solidaritätsbekundungen der Mächtigsten im deutschen Fußball. Die Vorgänge setzte Gladbachs damaliger Manager Max Eberl gar in einen Kontext zu den rassistischen Morden von Hanau, die gerade das Land erschütterten. Unvergessen sind die Bilder von Karl-Heinz Rummenigge, damals Vorstandschef des FC Bayern, und Hopp, wie sie applaudierend im Regen auf dem Rasen stehen.

An den Anlass für das Aufflammen der Proteste erinnern sich womöglich nicht ganz so viele Leute: Der DFB hatte aufgrund wiederholter Schmähungen und Beleidigungen gegen den Milliardär Hopp eine der eigentlich abgeschafften Kollektivstrafen gegen Dortmund-Fans verhängt. Sie sollten für zwei Jahre nicht nach Sinsheim fahren dürfen. Deshalb solidarisierten sich sogar Gladbachs Ultras mit dem BVB, das will etwas heißen.

Ein Hauch der absurden Ereignisse von damals wehte am Samstagabend durch den Borussia-Park. „Ein Hurensohnverein stellt nur Hurensöhne ein“, stand diesmal auf einem Spruchband am Zaun der Nordkurve. Das akkurate Zitieren sei einmal gestattet, obwohl die Wortwahl wirklich etwas drüber ist. Aber jeder soll sich ein Bild machen können, ob mit dieser Beleidigung des Klub-Konstrukts von RB Leipzig und seines Fokus auf Ex-Gladbacher bei der Besetzung wichtiger Posten (Trainer Marco Rose und Wohl-bald-Sportchef Eberl) wirklich eine Eskalationsstufe erreicht war, wie Schiedsrichter Patrick Ittrich sie zündete. Die Ironie: Zu flächendeckender Bekanntheit dank ausgiebiger TV-Analysen hat Ittrich dem Banner erst mit seiner Entscheidung verholfen, über die Stadionlautsprecher eine Spielunterbrechung androhen zu lassen.

Borussia Mönchengladbach - RB Leipzig: Eberl auf Fan-Plakaten beleidigt
41 BilderBorussia - Leipzig: die Bilder des SpielsFoto: dpa/Federico Gambarini
„Bei Spruchbändern mit Beleidigungen, Verschmähungen oder solchen Äußerungen habe ich eine relativ kurze Leine. Dieser rechtsfreie Raum – sowohl im Internet als auch im Stadion – muss unterbunden werden und es muss klar dagegen vorgegangen werden“, sagte er. Für einen hauptberuflichen Polizisten war das ein bemerkenswertes Statement.

Zumal Ittrich auf den sogenannten Drei-Stufen-Plan verwies, den der DFB nach der Aufregung um die Hopp-Plakate noch einmal präzisiert hatte. Er sei entwickelt worden, um einschreiten zu können gegen „Diskriminierungen aufgrund von Alter, Behinderung, Geschlecht, Religion oder Weltanschauung, ethnischer Herkunft oder sexueller Identität“, teilte der Verband anschließend mit, „auch bei personifizierten Gewaltandrohungen (zum Beispiel Personen im Fadenkreuz)“ könne der Plan greifen: Aufforderung zum Unterlassen, Spielunterbrechung, Spielabbruch.

Nichts davon war in Gladbach gegeben. „Kritik gegen Institutionen und Personen ist selbstverständlich zulässig. Selbst wenn sie beleidigend oder grob unsportlich sein sollte, kann das Spiel auch künftig weiterlaufen und gegebenenfalls wie bisher nur ein sportgerichtliches Verfahren (ohne die Anwendung des Drei-Stufen-Plans) nach dem Spiel eingeleitet werden“, schrieb der DFB weiter. Zudem erweckte Ittrich den Eindruck, dass die Schwelle bei Beleidigungen gegen RB Leipzig und seine (künftigen) Angestellten niedriger ist als zum Beispiel bei homophoben Äußerungen wie zuletzt in Rostock, wo auf einem Banner obendrein die rassistische Randale von Lichtenhagen vor 30 Jahren verherrlicht wurden.

Die Fans in Gladbach stehen alles andere als geschlossen hinter den Plakaten vom Samstag. Kritik an der Formulierung, auch an der Notwendigkeit steht jedem zu und sollte auch von den Verfassern nicht ernst genommen werden. Dass die Vorgänge den sportlichen Erfolg nun beinahe überstrahlen, ist bedauerlich. Gleichzeitig ist das Anliegen legitim, Proteste gegen einen Klub, der zu Marketingzwecken gegründet wurde, nicht einschlafen zu lassen. Denn RB Leipzig ist, anders als Gladbach-Profi Christoph Kramer behauptete, kein „Verein wie jeder andere“.

Der DFB betonte, als er sich mit dem Drei-Stufen-Plan befasste, dass er „weiterhin auf die selbstregulatorischen Prozesse innerhalb von Fangruppen“ setze. Insofern sind die Debatten innerhalb der Gladbacher Szene sogar eine gute Nachricht. Die gesamte Gemengelage ist zu komplex für pauschale Verurteilungen. Darum war es am Samstag Schiedsrichter Ittrich, der übers Ziel hinausgeschossen ist.


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