Papa Thuram: »Ich frage Sie: Seit wann sind Sie weiß?«... (BORUSSEN)

Vengo, Montag, 01.08.2022, 11:31 ( vor 12 Tagen ) @ Bap

Über die Funktion von Rassismus, globalen Machtverhältnissen und die Rolle des Fußballs. Ein Gespräch mit Lilian Thuram

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Kommen wir zum Fußball. Fast alle Akteure im Fußball plädieren dafür, Sport und Politik strikt voneinander zu trennen. Sie sehen das vermutlich anders.

Natürlich. Wenn etwas politisch ist, dann ist es der Fußball. Wer behauptet, man könne Fußball und Politik trennen, der lügt. Und überhaupt: Wir leben in einer Gesellschaft, in der alles politisch ist. Auch das Interview, das wir gerade führen, ist politisch. Und wenn die FIFA zu einem Vorkommnis schweigt, dann ist auch das politisch.

Warum wollen die Funktionäre nicht, dass der Fußball politisiert wird?

Die Funktionäre wollen nicht, dass der Fußball unpolitisch wird. Sie wollen nur verhindern, dass sich eine andere Vorstellung von Politik in der Welt des Fußballs durchsetzt als die ihrige.

FIFA und Co. scheinen Antirassismus nicht wirklich ernst zu nehmen. Welche Erfahrungen haben Sie während Ihrer Fußballkarriere mit Rassismus gemacht?

Meine Rassismuserfahrungen im Fußball haben nicht erst begonnen, als ich selbst mit dem Fußballspielen angefangen habe. Als ich als Kind im Fernsehen Fußball schaute, sah ich oft rassistische Aktionen von Fans. Das hat mich verletzt, weil ich das sah und nicht verstand, warum man nichts dagegen unternahm. Als Fußballer habe ich während meiner Karriere viel Rassismus in den Stadien erlebt. Heute habe ich zwei Söhne, die beide Fußball spielen (Khéphren Thuram, OGC Nizza, und Marcus Thuram, Borussia Mönchengladbach, jW), und es gibt immer noch dieselben rassistischen Vorkommnisse in den Stadien. Daran wird deutlich, dass die Entscheider kein Interesse daran haben, Rassismus ernsthaft zu bekämpfen.

Was sagt das über den Fußball beziehungsweise über die Gesellschaft insgesamt aus?

Wenn man analysiert, wie alltäglich Rassismus im Fußball ist, zeigt sich, wie sehr Negrophobie, also der Hass auf Schwarze, von der Gesellschaft akzeptiert wird. Der Fußball ist nur ein Spiegelbild der Gesellschaft. Meine Mitspieler und die Vereinschefs haben mir immer gesagt, es sei keine große Sache, wenn es zu einem rassistischen Vorfall während eines Spiels kam. Es hieß dann, ich solle mich doch beruhigen. Man stelle sich die Situation vor: Ein Spieler wird während eines Spiels Opfer von Rassismus, und dann kommen andere Spieler und Trainer zu ihm und erklären ihm, das sei alles nicht so schlimm. Hier hat sich in den vergangenen Jahrzehnten fast nichts verbessert. Als ich ein Kind war, gab es das schon im Fußball. Heute bin ich 50 Jahre alt, und die Probleme bestehen weiterhin.

Wie bewerten Sie die Rolle der aktiven Fußballspieler?

Wenn man Spielern heute vorschlägt, sich an der Verurteilung von Gewalt und Hass gegen Schwarze zu beteiligen, indem man vor dem Spiel einen Kniefall macht, lehnen das immer noch viele ab. Es gibt auch ganze Vereine und Verbände, die sich weigern, an diesen Aktionen teilzunehmen. Für mich sendet das die klare Botschaft, dass man Gewalt gegen Schwarze als akzeptabel empfindet.

Es wird auch darüber diskutiert, ob Spieler nach einem rassistischen Vorfall das Spielfeld verlassen sollten. Was ist Ihre Meinung dazu?

Ich möchte Ihnen eine Gegenfrage stellen. Wenn es zu Gewalt auf den Tribünen kommt, glauben Sie, dass das Spiel weitergehen wird?

Nein, wahrscheinlich nicht.

Sehen Sie. Ich denke, die Antwort liegt schon lange auf dem Tisch. Jedes Mal, wenn es auf den Tribünen zu Gewalt kommt, werden Spiele unterbrochen und zum Teil auch nicht wieder angepfiffen. Die Frage ist also: Warum wird ein Spiel fortgesetzt, wenn es zu Gewalt gegen schwarze Spieler kommt? Kommt Ihnen das nicht komisch vor?

Seit Jahrhunderten akzeptieren Weiße die Gewalt gegen Schwarze als etwas Normales. So wird Polizeigewalt gegen einen Schwarzen fast nie hinterfragt, denn wenn die Polizisten so vorgegangen sind, bedeutet das für viele, dass der Schwarze etwas getan haben muss. Dieses Denken findet sich auch in den Regierungen wieder. Historisch gesehen haben weiße Menschen kein Mitgefühl für schwarze Menschen. Ich meine nicht auf der individuellen Ebene, sondern auf der strukturellen. Das muss sich ändern. Denn um zu verstehen, was Rassismus bedeutet, braucht es ein Mindestmaß an Empathie.

Alles: https://www.jungewelt.de/artikel/431568.antirassismus-ich-frage-sie-seit-wann-sind-sie-...

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Ber­tha von Sutt­ner: »Kei­nem ver­nünf­ti­gen Men­schen wird es ein­fal­len, Tin­ten­fle­cken mit Tin­te, Ölfle­cken mit Öl weg­wa­schen zu wol­len. Nur Blut soll immer wie­der mit Blut abge­wa­schen wer­den.«


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